Signal abgebrochen = Marathon abgebrochen?

In diesem Blogbeitrag geht es um die Frage, wann ein Marathon beendet ist und wo Versagen beginnt.

 

Vorneweg gespoilert – und wie alle, die mich in der offiziellen App getrackt haben, bemerkt haben:

Beim Time Checkpoint Wixi brach mein Signal ab. Ich habe die offizielle Zeit um 12 Minuten verpasst. Wenn ich 12 Minuten schneller gewesen wäre, hätte es gereicht, mit Zeitangabe zu finishen. Ist das schlimm?

Nein, auf keinen Fall. Aber als Erstes die Frage, wie mein grosser Tag denn ablief, sportlich und emotional.

 

Denn 10 Tage vor dem Jungfrau-Marathon habe ich den Sutzerlauf am Bielersee gemacht. Davor war ich ganz entspannt. Danach war ich überhaupt nicht mehr entspannt. Denn die verhältnismässig lächerlichen 10,4 km des Sutzerlaufs waren der wohl schlimmste Lauf, den ich je gemacht habe. Alles, was ich mir an Mühsamkeit ausgemalt habe, traf da ein:

Ich hatte Schmerzen, war nicht fit und hatte keinen Zentimeter Spass. Ich habe mich zudem auch noch verlaufen und bin plötzlich bei den schnellsten Teilnehmenden gelandet, die mich dann wiederum alle – wirklich ALLE – nochmal überholt haben.

Ich stand danach im Ziel und hatte ein eingehendes Gespräch mit mir selbst. Und danach hatte ich nur noch 10 lange Tage Angst und den Gedanken, dass dies die blödeste Idee meines Lebens war.

 

Kurz erwähnt:Es war eine der besten Ideen meines Lebens. Denn ich war ja fast akribisch vorbereitet, kenne meinen Körper und meine Psyche, meine Stärken und meine Schwachstellen. Ich stand also noch im Startbereich und dachte: Das war sehr, sehr dumm. Aber jetzt machen wir mal das Beste daraus. Aufhören geht immer.

Weil: Ich lief ja nicht für mich allein. Es war viel Herzblut von vielen in diesem Lauf. Ich hatte kleine Glücksbringer dabei, wurde ins Rennen geschickt, in der Mitte besucht und am Ende in die Arme genommen. Ich wusste, es ist ein Erdbeertörtchen unterwegs, um im Ziel genossen zu werden, und mir würde sicherlich ein Kafi gebracht. Es lohnte sich also, den weiten Weg unter die Füsse zu nehmen – ich musste nur einen Fuss vor den anderen setzen.

Das tat ich dann auch. Die 3 km lange Schlaufe durch die Stadt Interlaken habe ich gehasst, jeden Schritt. Ich glaube, ich dachte nur: Oh nein, oh nein, oh nein. Ich war ja vorbereitet auf mentale Hänger bei km 17 und 27, auf Krämpfe, Schmerzen und sogar Verletzungen. Ab km 4 dachte ich nur noch: Oh ja, oh ja, oh ja!!!!!

Und das blieb auch bis zum Ende so. Es war der Wahnsinn, dieses Gefühl, mit etwa 3’500 anderen Sportler:innen unterwegs zu sein. Unterwegs zu merken, dass die ganze Arbeit, mein eigenes Training, sich auszahlt. Und nicht zu vergessen – es ist ja Corinne Sonkos Blog – die perfekte Vorbereitung mit Wettkampfnahrung.

Ich hatte keinen Hänger. Ich wusste, diesen Tag und dieses Rennen gibt es nur ein einziges Mal so. Ich wusste, als ich von einer lieben Freundin in Interlaken loslief, dass ich sie in Lauterbrunnen sehen werde, und ich wusste, dass ich dann die anderen sehen werde. Ich wusste, es sind viele im Tracking dabei und schicken mir Kraft. Ich habe mich niemals in meinem Leben so getragen gefühlt – verbunden mit all meinen wichtigsten Menschen.

 

In Gedanken. Es gibt keine Worte dafür. Etwa bis in die Mitte des Marathons war ich so schnell. Ich war für meine Verhältnisse ein Blitz, und es lief wie am Schnürchen.

Aber was geschah dann? Wie kam es also zum Abbruch des Signals in Wixi nach etwa 38 Kilometern. 

Einige von euch haben die beiden ersten Beiträge bereits gelesen und wissen deshalb, dass ich den Jungfrau-Marathon unter anderem gemacht habe, um meine körperlichen Grenzen zu finden. Die Frage ist nun: Habe ich diese gefunden? JEIN.

Mir wurden körperliche Grenzen aufgezeigt – zum einen meine eigenen und zum anderen die von jemand anderem. Und da stellt sich nun die Frage: Wie hoch wird ein Finish gewertet? Und wie weit bin ich bereit, dafür zu gehen?

Ich bin nicht bereit, für meinen eigenen Erfolg ethische Grundsätze über Bord zu werfen. Ich hatte das grosse Privileg, eine Sporternährungsberaterin als Coach zu haben, die auch bereit war, weit über den normalen Rahmen Anteil an diesem Projekt zu nehmen – so sehr, dass es irgendwann nicht mehr mein Rennen, sondern unser Rennen war.

Dieses Glück hatten nicht alle, die gestartet sind. Etwa bei Kilometer 30 habe ich eine ältere Person getroffen. Wahnsinn, sie war sicherlich 75 Jahre alt und hatte sich sogar das Logo des Jungfrau-Marathons auf den Unterschenkel tätowiert. Scheinbar ist sie in diesem Jahr das 24. Mal gestartet. Und sie hatte fürchterliche Krämpfe und konnte kaum mehr gehen.

Es war für mich keine Frage, dass ich sie so lange wie nötig begleitet habe. Sie hatte selbst keine Elektrolyte dabei. Ich – wie gesagt top verplant und doppelt abgesichert – hatte genug für beide. Ich habe also während dem Stützen auch noch meinen Rucksack durchwühlt und ihr meine Gels mit Magnesium gefüttert. Es war sehr schön, wie dankbar sie war, und noch viel schöner, dass es half bis zum nächsten Sanitätsposten.

Ich wollte sie in ihrem Frust auch nicht alleine lassen, schliesslich war sie das zweite Jahr in Folge am gleichen Ort ausgeschieden, weil sie Krämpfe hatte. Und ehrlich gesagt war es ziemlich witzig, einer 75-Jährigen beim Verwenden unflätiger Kraftausdrücke zuzuhören – so viel Genuss musste sein.

Ich habe keine Sekunde an meine Zeit gedacht. Und als ich weiterging und sie im Sanitätszelt sicher verwahrt wusste, gab mir mein Körper meine Grenzen an. So genau will das sicherlich niemand wissen, aber die Älpler des Berner Oberlands sind nicht dumm und haben das Plumpsklo zu meinem grossen Glück bei sogar zwei Alphütten offen gelassen.

Mein Körper sagte mir nach über 30 Kilometern, dass er etwas Stress hat. Ich hatte zum Glück keine weiteren Beschwerden, ich musste nur zweimal ausscheren. Aber die Zeit, die mich diese Abstecher gekostet haben, hat dann gefehlt: 12 Minuten.

Schlimm war das nicht. Überhaupt nicht. Ich konnte mein Rennen dann in aller Ruhe beenden und habe sowohl die Medaille als auch das Finisher-Shirt erhalten – nur halt ohne zeitliche Wertung.

Für mich dafür gefüllt mit Begegnungen mit Fremden, die mein Leben wie ein Flügelschlag gestreift haben.  Liebe in seiner unterschiedlichsten Form, Freude an Bewegung und der Aussicht auf diese Berge, die mir die Welt bedeuten, und Stolz auf mich selbst.

 

Im Ziel hat mich mein Erdbeertörtli erwartet – von einer Erdbeere dargereicht. Ich musste so lachen!

Und ich war körperlich noch lange nicht am Ende. Grenzen habe ich gesehen und erkannt, und später auch gehört, wie es vielen hinter mir erging, die teilweise sogar ärztliche Hilfe brauchten. Aber Muskelkater hatte ich tatsächlich keinen, nur Velofahren ging etwa zwei Wochen nicht mehr so gut. Heute, beim Abschluss dieses Beitrags, sitze ich in Bergün. Ich habe heute nach einem Monat zum ersten Mal wieder meine Schuhe vom Jungfrau-Marathon getragen – sie fühlen sich ein bisschen an wie ein Kleidungsstück, das man besonders gerne trägt.

Morgen werde ich zum ersten Mal wieder laufen. Ich bin gespannt, ob ich es nun lieber mache.

 

Und vielleicht gibt es auf diesem Weg ja noch eine Fortsetzung, denn die körperliche Grenze, die mich zur Kapitulation zwingt, die würde ich schon gerne noch kennen.

Also bis dahin: Bleibt auf eurem Weg und geht ihn, wann immer möglich, nicht allein. Träumt gross und macht den ersten Schritt, dann den zweiten und immer weiter – bis aus 148 Kilo vielleicht einmal ein Marathon wird.

Oder vielleicht der Gipfel eines Berges, oder Schwimmen oder Tanzen. Das Ziel ist nicht das Ziel. Das Ziel ist aus meiner Sicht das Wachstum am Weg.

Ich bin sicher, in jedem von uns steckt das Potenzial für die eigenen Heldinnentaten. Und jede Tat beginnt mit Bewegung. Und Bewegung ist immer gut.

Manchmal tut sie weh, im Herz oder im Körper. Aber gut ist sie immer.

Teilen:

Ähnliche Beiträge

Signal abgebrochen = Marathon abgebrochen?