Mein Weg vom Sofa auf den Eigergletscher

Im letzten Blogbeitrag hat Corinne W. ihre bewegende Geschichte erzählt – von gesundheitlichen Herausforderungen, Rückschlägen und dem langen Weg zurück zu sich selbst.

Eine Geschichte, die eindrücklich zeigt, dass Veränderung selten geradlinig verläuft und hinter jedem Erfolg oft viele unsichtbare Kämpfe stehen.

Doch wie wird aus einer Frau, die einst 148 Kilogramm wog und glaubte, nie wieder richtig laufen zu können, eine Marathonläuferin mit dem Jungfrau-Marathon als Ziel?

Hier erzählt Corinne W. ganz persönlich und offen ihre Geschichte weiter. 

 

Mein Weg vom Sofa auf den Eigergletscher – Oder: Wann habe ich eigentlich den Verstand verloren?

 

Manche Menschen werden sich diesen Spätsommer völlig neuen, entspannten Hobbys widmen.

Sie werden Töpfern lernen, gemütlich auf dem Balkon grillen oder das Stand-up-Paddeln für  sich entdecken.

 

Und dann wird es mich geben.

Ich werde an einem Samstagmorgen im September an der Startlinie in Interlaken stehen und mir die absolut berechtigte Frage stellen: „Drei Jahre habe ich auf diesen Tag hingefiebert – was stimmt eigentlich nicht mit mir?“

Denn ich werde an diesem Tag den Jungfrau-Marathon laufen. Oder es zumindest versuchen. Scheinbar ist dieser Lauf nämlich die offizielle Höchststrafe für die Oberschenkelmuskulatur.

 

Das Prinzip dieses kollektiven Wahnsinns:

Man nimmt die klassischen 42,195 Kilometer – und weil das ja viel, also wirklich viel zu langweilig wäre, packen wir Schweizerinnen einfach noch geschmeidige 1`829 Höhenmeter oben drauf.

Ich werde die ersten 25 Kilometer noch ganz nett dahinplätschern, wahrscheinlich nur, um mich in trügerischer Sicherheit zu wiegen.

Aber ab Lauterbrunnen mutiert die Strecke zu einer hochgradig alpinen Mischung aus Treppensteiger-Hölle und Überlebenskampf.

Mein Ziel? Der Eigergletscher.

Mein voraussichtlicher Zustand bei der Ankunft? Der Sauerstoffgehalt einer Tiefkühlpizza und so viel Schweiß in den Augen, dass ich von der legendären Postkarten-Kulisse vermutlich rein gar nichts sehen werde.

Ich werde weinen. Sowieso. Vielleicht wegen der Schmerzen, vielleicht aus Erschöpfung, vielleicht aus Enttäuschung, vielleicht aus purer Freude – und ganz sicher aus allen Gründen gleichzeitig.

Was stimmt eigentlich nicht mit mir? Vieles, würde ich hier mal spontan aus dem Bauch heraus sagen.

Aber nennen wir das Kind beim Namen: Dass ich als ganz normale Hobbysportlerin da mitmischen will, ist reiner Irrsinn.

Mein Körper wird ab Kilometer 30 vermutlich schreiend nach Liebe verlangen, um mich wegen schwerer Selbstmisshandlung zu trösten.

Um das kurz klarzustellen: Ich finde Laufen eigentlich langweilig und bin wirklich überhaupt keine geborene Läuferin.

In der Ernährungsberatung haben Corinne Sonko und ich festgestellt: Ich bin Team Kugelstosserin!

Ich bin langsam, ich will Blümchen und Tiere am Strassenrand sehen, ich will beim Laufen nachdenken und singen. Wenn mir früher – in den Zeiten, als ich stolze 148 Kilo auf die Waage brachte (oder auch vor drei Jahren) – jemand prophezeit hätte: „Du wirst mal freiwillig die Wand vor dem Dreigestirn hochrennen“, ich hätte schallend gelacht. Damals war mein persönlicher Endgegner die Treppe in den ersten Stock oder der Sprint zum abfahrenden Tram (wobei ich das meistens erst gar nicht versucht habe).

Also: Warum das Ganze? Wenn ich gründlich darüber nachdenke, merke ich: Es geht hier wohl mal wieder um puren Trotz.

Der rostige Nagel im Gehirn. Wie bereits angedeutet, leide ich an diversen körperlichen Gebrechen – darunter zwei latente Bandscheibenvorfälle im Lendenwirbelbereich. Ein absoluter Pflegenden-Klassiker.

Als ich damals zur medizinischen Abklärung musste, meinte der Arzt trocken, ich müsse mir die Wirbelsäule versteifen lassen. Mit knapp 30!

Auf meinen Einwand, dass ich dafür viel zu jung sei und das keinesfalls wolle, entgegnete er:

 

> „Sie werden nie wieder auch nur einen einzigen Meter rennen.“ >

 

Irgendwie ist mir dieser Satz eingebrannt geblieben. Wie ein rostiger Nagel im Gehirn.

Im Zuge meiner Genesung nach einem Burnout habe ich mich gefragt, wo eigentlich meine echten körperlichen Grenzen liegen.

Aus der schnapsartigen Idee mit Freunden, mal eben 10 Kilometer zu laufen, um zu schauen, ob ich das schaffe, wurde schnell die Erkenntnis: Das reicht nicht. Nicht mal ansatzweise.

An Ostern vor drei Jahren kam am Familientisch zufällig die Sprache auf den Jungfrau-Marathon. Mein grenzensuchendes Gehirn begann sofort zu rattern. Mit am Tisch sass eine Herzensfreundin, die für mich mittlerweile wie Familie ist. Ich fragte halb im Spass, halb im Ernst: „Wäre das nicht was für uns?“ Ihre sofortige Begeisterung hat einen völlig neuen Denkprozess angestossen, den ich unbedingt teilen möchte. Denn er war es letztlich auch, der mich zu Corinne Sonko in die Ernährungsberatung geführt hat.

Was wäre eigentlich – nur mal so ganz hypothetisch –, wenn wir nicht alles alleine schaffen müssten? Wenn auf der Suche nach den eigenen Grenzen genau dort, wo diese Grenzen liegen, jemand stehen würde, der auf uns wartet?

Wer sollte beim schmerzhaftesten (und schönsten) Tag des Lebens eigentlich an unserer Seite sein?

 

Ausblick auf Teil 3

Als kleine Vorinformation:  für den nächsten Teil (in dem es ums Training, die richtige Ernährung und den fachlichen Input von Corinne Sonko geht):

 

Es braucht aus meiner Sicht vor allem folgende drei Säulen:

 

* Zyklusorientierte Trainingsplanung: Individuell und speziell auf den weiblichen Körper abgestimmt.

 

* Das richtige Mindset: Mentale Stärke für den Moment, in dem die Beine nicht mehr wollen.

 

* Eine fundierte Ernährungsberatung: Der richtige Treibstoff für den Eigergletscher.

 

Und ganz zum Schluss stellt sich eigentlich nur eine Frage: Wer braucht schon intakte Kniescheiben, wenn er stattdessen ein Finisher-Shirt im Schrank haben kann?

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